Sport schafft Identitäten. Diese Identitäten entstammen sowohl aus Selbst-, als auch aus Fremdzuschreibungen auf Individual- und Gemeinschaftsebene. Die Mitgliedschaft in einem Verein verleiht dem Individuum die Möglichkeit, seine eigene Identität um eine gemeinschaftliche Identität zu ergänzen: Einer Vereinsidentität. Eine Vereinsidentität entsteht aus den Selbst- und Fremdzuschreibungen, die einem Verein nachgesagt werden (Brunssen 2025).
In mehreren Beiträgen wollen wir uns der Frage widmen, wie schaffte der (jüdische) Sport Anfang des 20. Jahrhunderts Identitäten für jüdische Sportler*innen? Dazu betrachten wir nicht nur die Entstehungsgeschichte des organisierten jüdischen Sports in Berlin, sondern auch die spannende Autobiografie jüdischen Sportlers Felix Simmenauer.
Kurzbiografie Felix Simmenauer
Felix Simmenauer (geb. 07.10.1903 Berlin – gest. 08.09.1990) war ein deutsch-jüdischer Leichtathlet und von 1923 bis zu seiner Flucht 1938 Mitglied und prägende Figur im Bar Kochba Berlin. Simmenauer stammte aus einer überzeugten deutsch-nationalistischen Familie ( Simmenauer 1989, S. 16, 24). Nach seiner Schulzeit wollte Simmenauer als Zionist gegen den Willen seiner Familie einer Tischlerausbildung absolvieren, um danach nach Palästina auszuwandern. Auch wegen seiner tiefen Verwurzelung im Sport blieb Simmenauer bis 1938 als Innenarchitekt in Berlin, bevor er in die USA und später auch nach Israel und England auswanderte. Im Alter kehrte Simmenauer nach Berlin zurück, ordnete seine Erinnerungen und Unterlagen, um die hier genutzte Autobiografie „Die Goldmedaille“ zu verfassen. Sein Nachlass ist im Archiv des Jüdischen Museum Berlin erhalten geblieben.
Felix Simmenauers Autobiografie „Die Goldmedaille“
Simmenauers Autobiografie stellt ein einmaliges Egodokument dar, das mit seinen Details und seiner klaren Erinnerung überzeugt. Simmenauer stützt sich bei Verfassen des Buches in den 1980er-Jahren auf seine ausführlichen Tagebücher und belegt seine Erinnerungen gewissenhaft mit von ihm gesammelten Zeitungsausschnitten, Originaldokumenten und Fotos. Simmenauer schildert auch an vielen Stellen offen seine persönlichen Gedanken und Gefühle zu den Gegebenheiten und öffnet so die Möglichkeit, die Bedeutung des Sports für seine eigene Identitätsausbildung gut nachzuvollziehen.
Trotzdem lässt sich einschränkend festhalten, dass Simmenauers Erinnerungen im Rahmen seiner Autobiografie in den 1980er Jahren durch die NS-Herrschaft, sein Exil und seine Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland geprägt sind.
Dennoch ist die Quelle als starkes, authentisches, auch von ehrlichen Emotionen geprägtes, gut strukturiertes und damit glaubwürdiges Selbstzeugnis zu betrachten.
Felix Simmenauers Autobiografie „Die Goldmedaille“
Felix Simmenauer: Sport und Identität

Sport und Zionismus
In Simmenauers Biografie beginnen die Begeisterung für Sport und Zionismus parallel. Sowohl seine ersten sportlichen, als auch seine ersten zionistischen Erfahrungen machte Simmenauer in der Gruppe der Jung Ivria (Simmenauer 1989, S. 17). Sport und Zionismus sind also auch in Simmenauers Biografie stark verwoben.
Das Verhältnis von Zionismus und Sport im BK wurde bereits im Vorherigen besprochen, doch lassen sich einige subjektive Eindrücke Simmenauers ergänzen, um diese Analyse zu unterstützen. Denn Simmenauer, ein überzeugter Zionist, dessen Plan als Jugendlicher stets war, nach Palästina auszuwandern, nimmt die zionistischen Tendenzen im eigentlich eher national-jüdischen BK durchaus als Hindernis wahr. So berichtet er, dass „ein großer Teil der jüdischen Jugend so stark assimiliert war, dass er sich keinem Verein, schon gar nicht einem nationaljüdischen, wie dem Bar Kochba, anschloss“ (Simmenauer 1989, S. 66). Auch erschwerte die bewusst jüdische, aber nicht jüdisch-religiöse Identität des BK Simmenauer persönlichen und den allgemeinen sportlichen Erfolg durch die Frage nach dem Start am Schabbat BK als bewusst jüdischer, aber nicht als religiöser Verein. Eine Lösung konnte nur nach heftigen Debatten in einem Gentlemen’s Agreement gefunden werden, dass nur in Ausnahmefällen den Start am Schabbat erlaubte (ebd., S. 68).
Erst mit den sportlichen Erfolgen und dem spürbaren Aufstieg des Nationalsozialismus gelang das Abwerben anderer jüdischer Sportler*innen, u.a. Fritz Gerber und Kurt Lewin, von nicht-jüdischen Vereinen, die bisher aufgrund der national-jüdischen Einstellung des BK diesem ferngeblieben waren (Simmenauer 1989, S. 74).
Quellen
SIMMENAUER, Felix 1989: Die Goldmedaille. Erinnerungen an die Bar Kochba-Makkabi Turn- und Sportbewegung 1898-1938. (Reihe Deutsche Vergangenheit Bd. 36). Berlin: Edition Hentrich.