Bar Kochba-Hakoah und die Olympischen Spiele 1936

Logo der Olympischen Spiele 1936 (Teilnehmer-Abzeichen XI. Olympiade Berlin 1936 Buntmetall/farbig emailliert, Hoheitsadler mit Hakenkreuz und Olympischen Ringen, Ø 46mm, broschiert.) © Wikimedia Commons (gemeinfrei)

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin dienten der außenpolitischen Konsolidierungen des NS-Regimes. Dabei stand ihnen jedoch der bereits 1933 erfolgte Ausschluss des jüdischen Sports im Weg: Das NS-Regime musste dem IOC und der Weltpolitik glaubhaft machen, dass der jüdische Sport in Deutschland weiterhin existierte und frei war, was diese ihnen allzu gerne glauben wollten. In unserem Artikel berichten wir darüber, welche Handlungsspielräume die Olympischen Spiele dem jüdischen Sport in Berlin um 1936 ermöglichten und wie sie dennoch entscheidend dazu beitrugen den jüdischen Sport und jüdischen Sportler*innen aus dem deutschen Sport auszuschließen.

Der organisierte jüdische Sport nahm 1898 mit der Gründung des „Jüdischer Turnverein Bar Kochba“ seinen Anfang. Nach recht ruhigen Anfangsjahren ohne nennenswerte sportliche Relevanz und Erfolge, zeichnete sich Ende der 1920er-Jahre innerhalb des jüdischen Sports in Berlin ab.

Der jüdische Sport im Berlin der 1920er-Jahre

Mit der Gründung des SC Hakoah im Jahr 1924 entstand eine neue jüdische sportliche Konkurrenz (vor allem durch Hakoahs Fußballangebot). Gleichzeitig entwickelte sich die jüdischen Sportvereine zunehmend zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz. Dies zeigte sich vor allem darin, dass die jüdischen Vereine auch sportlich einen gewissen Reiz für jüdische Topathlet*innen, wie Martha Jacob oder Alex Nathan (beide SCC) zu entwickeln. Parallel dazu veränderte der zunehmende Antisemitismus die Bedingungen, unter denen jüdischer Sport betrieben wurde. Er beeinflusste nicht nur die gesellschaftliche Wahrnehmung jüdischer Sportlerinnen und Sportler, sondern auch Körperbilder, sportliche Ansprüche und auch das individuelle und kollektive Sicherheitsbedürfnis.

Vor diesem Hintergrund kam es 1929/30 zur Fusion von Bar Kochba und Hakoah. Mit dem Zusammenschluss waren sowohl sportliche als auch zionistische Hoffnungen verbunden. Beide Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht in dem erhofften Maße. Insbesondere die sportlichen Hoffnungen wurden enttäuscht; auch die mit der Fusion verbundenen zionistischen Erwartungen konnten nicht vollständig eingelöst werden (Eggers und Buschbom 2003).

Ausschluss des jüdischen Sports 1933

Eine tiefe Zäsur für den jüdischen Sport in Berlin erfolgte 1933 mit dem Ausschluss des jüdischen Sports aus dem allgemeinen deutschen Sportbetrieb. So schrieb der Chronist und ehemalige Sportwart des BK Hakoah später:

Die Katastrophe der Machtübernahme der Nationalsozialisten traf die Makkabi-Bewegung genau so unvorbereitet wie die Gesamtjudenheit Deutschlands.

(Atlasz 1977, 111)

In der Folge entstand notgedrungen ein eigenständiges jüdisches Sportsystem. Sportfeste konnten nun mehr nur noch auf dem Sportplatz im Grunewald stattfinden, der der jüdischen Gemeinde gehörte und den jüdischen Vereinen daher weiterhin zur Verfügung stand. Darüber hinaus wurde die Sporthalle am Kurfürstendamm 119/120 in Halensee genutzt, die ebenfalls der jüdischen Sportgemeinschaft gehörte. Diese vorgebliche Duldung des jüdischen Sports, war jedoch bloß Fassade. Zeugenaussagen, wie von Robert Atlasz oder von Günter Löwenstein berichten vielmehr von systematischen Störungen und Schikanen. Die Möglichkeiten zur Durchführung des jüdischen Sportbetriebs waren wesentlich von der Haltung einzelner Verantwortlicher bei SA, Polizei und Gestapo abhängig. So berichtete auch Günter Löwenstein noch Jahrzehnte später:

Alle Veranstaltungen des Bar Kochba mussten polizeilich gemeldet werden, sogar Treffen auf dem Bahnhof vor einer (genehmigten) gemeinsamen Fahrt. Diese polizeilichen Anmeldungen wurden mit grösster schikanöser Bürokratie von der Behörde geprüft, und wenn auch nur der kleinste Tippfehler gefunden wurde, wurde die Veranstaltung verboten.

(Loewenstein 1988, 11)

Bar Kochba Hakoah im Vorlauf von Olympia 1936

Das Großereignis der Olympischen Spiele 1936 hatte auch Konsequenzen für den jüdischen Sport und insbesondere auch für den Bar Kochba Hakoah. Diese Folgen lassen sich vor allem dank der akribisch festgehaltenen Erinnerungen des bereits erwähnten Robert Atlasz (1958, 1977) nachvollziehen.

Während lokale Übergriffe auf den jüdischen Sport zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933/34 noch geduldet worden waren, wurden diese mit Blick auf die bevorstehende Olympiade seltener. Diese Entwicklung ermöglichte es den rein jüdischen Sportbetrieb zu kontinuierlich aufzubauen und zu festigen.

Eine Veränderung bestand darin, dass ab 1934 bei jüdischen Sportfesten regelmäßig offizielle Vertreter des Reichssportführers anwesend waren. Laut Atlasz sollte ihre Anwesenheit den Veranstaltungen einen „offiziellen Stempel“ verleihen. Diese wurde von internationalen Gremien durchaus positiv wahrgenommen. Dies war im Zusammenhang mit den bevorstehenden Olympischen Spielen in Hinblick auf drohende Boykottbestrebungen, vor allem aus den USA von für das NS-Regime Bedeutung.

Darüber hinaus konnten jüdische Sportlerinnen und Sportler aus dem Ausland wieder an Veranstaltungen der jüdischen Vereine Berlins teilnehmen und auch Reisen jüdischer Sportler*innen und Funktionär*innen zu jüdischen Sportveranstaltungen und Wettkämpfen im Ausland wurden wieder ermöglicht. Ab 1934 bestand zudem wieder die Möglichkeit, Wettkämpfe mit nichtjüdischen Mannschaften durchzuführen, wobei es sich nur um Freundschaftsspiele handelte (Wahlig und Peiffer 2025, 207).

Avery Brundage und der jüdische Sport: „In my club in Chicago Jews are not permitted either”

Bemerkenswert ist dabei vor allem ein Treffen im Jahr 1934 im Hotel Kaiserhof in Berlin. Daran nahmen Avery Brundage, der Vertreter der Amateur Athletic Union und großer Boykottgegner innerhalb des IOC, der Vertreter des Reichssportführers Breitmeyer[1] sowie Vertreter des jüdischen Sports in Deutschland, darunter auch Robert Atlasz, teil. Zentrales Ziel des Treffens war sowohl für das IOC als auch das Nazi-Regime, einen Boykott der Olympischen Spiele zu verhindern.

Brundage war auf das Gespräch offenbar gut vorbereitet und stellte zahlreiche Fragen. Doch die Vertreter des jüdischen Sports durften unter strenger Aufsicht der nationalsozialistischen Sportfunktionäre nicht wahrheitsgemäß antworten. Auf den Ausschluss der jüdischen Sportler*innen aus den bürgerlichen Vereinen Deutschlands verwies Brundage lapidar:

In my club in Chicago Jews are not permitted either.

(Avery Brundage, amerikanischer Vertreter des IOC / Amateur Athletic Union)

Als Entgegenkommen der deutschen Behörden wurde zugesichert, dass jüdische Sportlerinnen und Sportler in den deutschen Olympiakader aufgenommen werden könnten. Damit entstand zumindest nach außen der Eindruck einer möglichen Beteiligung deutsch-jüdischer Sportler*innen an den Olympischen Spielen von 1936.

Ein Trainingslager für jüdische Olympionik*innen bekommt zur Farce

Etwas unverhofft wurden ausgewählte jüdische Sportler*innen 1935 zu einem Olympiatrainingslager in Wilhelmshöhe bei Ettlingen eingeladen. Das Trainingslager war ausschließlich für jüdische Sportlerinnen und Sportler vorgesehen und sollte diese vorgeblich auf die Olympischen Spiele 1936 vorbereiten. Eine tatsächliche Aussicht auf eine Teilnahme an den Spielen bestand jedoch nicht. Zu den Teilnehmern gehörte unter anderem der Berliner Sprinter Werner Schattmann, der später von der guten Behandlung im Trainingslager berichtete, jedoch sich auch damals schon keine Illusionen machte, dass dies bloß eine Farce war (Pruschnowski 1978). Trotz der Zusage von Chancengleichheit kam es, wie zu erwarten, zu keinen Nominierungen jüdischer Sportler*innen. Dies betraf auch sportlich konkurrenzfähige Athletinnen wie Gretl Bergmann. Eine Ausnahme bildete die Fechterin Helene Meyer, die eine Silbermedallie gewann, jedoch sich vor den Olympischen Spielen medienwirksam als Seitensprung ihrer nicht-jüdischen Mutter mit einem Arier präsentierte. Weshalb Atlasz 1977 schrieb: „Der jüdische Sport lehnt jede Identifizierung mit Helene Meyer ab.“

Fazit: Olympia 1936 – Neue Handlungsspielräume, aber auch der endgültige Ausschluss des jüdischen Sports

Die Olympischen Spiele von 1936 veränderten wie aufgezeigt zwar die Handlungsspielräume des jüdischen Sports, jedoch blieben dies Handlungsspielräume an die bevorstehende Olympiade und deren politische Rahmenbedingungen gebunden. Jegliche dem jüdischen Sport kurzzeitig zugestandenen Freiheit dienten nur dazu einen Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Berlin zu verhindern.  Die scheinbare Möglichkeit einer Partizipation jüdischer Sportlerinnen und Sportler, die unter anderem im Zusammenhang mit dem Gespräch mit Brundage entstand, diente nur der scheinheiligen Beruhigungen des IOC und der ausländischen Sportverbände und Regierungen. Die vorübergehenden Möglichkeiten des jüdischen Sports waren somit eng mit dem Bestreben verbunden, die Olympischen Spiele trotz der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik stattfinden zu lassen. Letztlich führte diese Entwicklung jedoch nicht zu einer tatsächlichen und dauerhaften Integration jüdischer Sportlerinnen und Sportler in den deutschen Sport. Vielmehr trug sie zum endgültigen Ausschluss jüdischer Sportlerinnen und Sportler aus dem deutschen Sport bei. Die gipfelte in der vollumfassenden Auslöschung des jüdischen Sports in den Novemberprogromen von 1938.


[1] In anderen Quellen wird neben Breitmeyer auch der damalige Reichssportführer Tschammer von Osten als Teilnehmer genannt, was jedoch nicht eindeutig belegbar ist.

ANMERKUNG

Dieser Beitrag entstand aus dem Vortrag „Bar Kochba – Hakoah und Olympia 1936: Handlungsspielräume und Ausschluss des jüdischen Sports“ den Johannes Refle und Ferdinand Houben am 30.09.2026 auf dem Symposium „Geschichtsraum Olympiapark Berlin: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ im Clubhaus im Olympiapark Berlin gehalt haben.

QUELLEN

Atlasz, Robert. 1958. Testimony of Dr. Robert Atlasz, born in Berlin, Germany, 1898, regarding his experiences as a Jewish sports official in Germany after 1933, Jewish sport associations and Jewish sport activities under Nazi rule. O.1 – K.J. Ball-Kaduri – Collection of Testimonies and Reports of German Jewry. Jerusalem: Yad Vashem Archives. Zugriff am 9. März 2026. https://collections.yadvashem.org/en/documents/3549481.

Atlasz, Robert. 1977. Barkochba: Makkabi – Deutschland 1898-1938.

Eggers, Erik und Jan Buschbom. 2003. „Vergessene Wurzeln: Jüdischer Fußball in Berlin.“ In Davidstern und Lederball: Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, hrsg. von Dietrich Schulze-Marmeling, 27–45.

Loewenstein, Günter. 1988. „Der letzte der Mohikaner.“ In 90 Jahre Bar Kochba – Hakoah, Berlin und Makkabi: 1898 – 1988, hrsg. von Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Barkochba-Hakoa[c]h e.V, 11–13. BarKochba-Hakoah Nachrichten.

Pruschnowski, Itzchak. Dornen am Lorbeer, 1978. SFB (13. November 1978, 21:15 Uhr, 111. Programm Nord).

Wahlig, Henry und Lorenz Peiffer. 2025. „Die Geschichte jüdischer Fußballvereine in Berlin.“ In Eine Stütze des Systems? der Berliner Fußball im Nationalsozialismus, hrsg. von Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider, 174–250. Hildesheim: Arete Verlag.

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