Jüdische Identitäten im Berliner Sport Anfang des 20. Jahrhunderts (3)

Sport schafft Identitäten. Diese Identitäten entstammen sowohl aus Selbst-, als auch aus Fremdzuschreibungen auf Individual- und Gemeinschaftsebene. Die Mitgliedschaft in einem Verein verleiht dem Individuum die Möglichkeit, seine eigene Identität um eine gemeinschaftliche Identität zu ergänzen: Einer Vereinsidentität. Eine Vereinsidentität entsteht aus den Selbst- und Fremdzuschreibungen, die einem Verein nachgesagt werden (Brunssen 2025).

In mehreren Beiträgen wollen wir uns der Frage widmen, wie schaffte der (jüdische) Sport Anfang des 20. Jahrhunderts Identitäten für jüdische Sportler*innen? Dazu betrachten wir nicht nur die Entstehungsgeschichte des organisierten jüdischen Sports in Berlin, sondern auch die spannende Autobiografie jüdischen Sportlers Felix Simmenauer.

Die Ursprünge des organisierten jüdischen Sports zwischen Zionismus und Antisemitismusbekämpfung (2)

Das Gründungsmanifest des Bar Kochba (BAR KOCHBA BERLIN 1900: Was wir wollen! In: Jüdische Turnzeitung, 1. Jg., H. 1, S. 1.) © Spielfeld Geschichte

Dass sich der organisierte jüdische Sport parallel zum Aufkommen der zionistischen Bewegung entwickelt, ist kein Zufall. In der Argumentation zionistischer Denker, wie Max Nordau oder auch Max Mandelstamm, ist ihre Sicht auf den jüdischen Körper zentral. Dabei beziehen sich beide auf das antisemitische Narrativ der körperlichen Schwäche von Jüdinnen und Juden. So verstand sich die Gründung jüdischer Sportvereine vor dem 1. Weltkrieg als Reaktion auf den Antisemitismus in Gesellschaft und Turnerschaft (Eisen 1983, S. 262), oftmals angetrieben von Zionist*innen und zionistischen Gedanken.

Was wir wollen! – Der Bar Kochba Berlin als Keimzelle des jüdischen Sports

Auch wenn der 1895 gegründete Israelitische Turnverein Constantinopel als der erste jüdische Turnverein gelten darf, so ist festzustellen, dass eine erste wirkliche Signalwirkung erst durch die Gründung des Bar Kochba Berlin (BK) am 22. Oktober 1898 durch vornehmlich junge jüdische Akademiker ausging (Friedler 1998, S. 15; Atlasz 1977, S. 6f.).

Der BK gab in seiner Gründung bereits die Charakteristika des jüdischen Sports der nächsten Jahrzehnte vor. Auffällig ist, wie sich die Ziele des BK mit denen Nordaus und Mandelstamms überschneiden, wobei jedoch die Frage nach der Positionierung zum Zionismus ein großer Streitpunkt darstellte. Schon zur Gründung des Vereins standen sich unterschiedliche politische Lager gegenüber: Auf der einen Seite neutral-jüdische Kräfte, auf der anderen Seite die Vertreter des Zionismus (Atlasz 1977, S. 6; Katz 1900, S. 4). Als Kompromiss wurde der Tendenzparagraph beschlossen, der die „national-jüdische Ideen zur Grundlage (…) [des] Programms“ (Atlasz 1977, S. 6) machte. Auch wenn dies einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Positionen der Gründer darstellen sollte, wurde hierbei „die Stärkung dieses nationalen Bewusstseins (…) neben der Pflege des Turnens als (…) vornehmste Aufgabe“ (Katz 1900, S. 4) und ist damit nichts anderes als die Umsetzung der Forderungen von Nordaus und Mandelstamms.

Zentrale Programmpunkte veröffentlichte der BK in seinem Vereinsorgan, der Jüdischen Turnzeitung, 1900 unter dem Titel, Was wir wollen! Auch hier wird dabei das Stereotyp eines „schlaffen jüdischen Leib[s]“ (Bar Kochba Berlin 1900, S. 1) aufgegriffen und folglich gefordert, sich auf die „alten jüdischen Ideale“ (ebd.), „Zusammengehörigkeit“ (ebd.) und „Selbstbewusstsein“ (ebd.) zurückzubeziehen. Darüber hinaus wird gefordert, dem grassierenden Antisemitismus entgegenzutreten und „ein edles Nationalgefühl [zu] pflegen“ (ebd.).

Der Chronist des BK Robert Atlasz vermerkt dazu: „So hatten unsere national jüdischen Turnvereine zwar die gleiche gedankliche Plattform wie der Zionismus, doch ohne die politischen Konsequenzen“ (1977, S. 8). Der jüdische Sport war also von zionistischen Denker*innen und Akteur*innen geprägt, doch um die Anziehungskraft der Vereine auf neutral-jüdischer Sportler*innen nicht zu verlieren, wurde der politische Zionismus des Vereins nicht in den Vordergrund gerückt, wenngleich jedoch national-jüdische Bestrebungen, bspw. durch die Bewerbung und Vermittlung von Hebräischkursen in der Jüdischen Turnzeitung (1900, S. 31), durchaus gefördert wurden.

Erich Altertum, in den 1930er-Jahren Leiter des Bar Kochba-Hakoah Altherrenbundes beschreibt, dass der BK „vor 1933 nicht zionistisch, sondern nationaljüdisch [war und] Zionismus wurde erst 1933 akut“ (Altertum 1960, S. 3).

Das Verhältnis zwischen Zionismus und jüdischem Sport blieb also im Beispiel des BK ambivalent (Eisen 1983, S. 253), da zwar ein Großteil des Vorstands, aber nicht ein Großteil der Mitglieder zionistisch eingestellt und organisiert war (ebd., S. 251). Gemeinsam jedoch war den meisten jüdisch-organisierten Sportler*innen und Vereinen ihre Ablehnung der Assimilation (ebd., S. 262; Atlasz 1958, S. 3).

Dem Beispiel des Bar Kochba Berlin folgten in den darauffolgenden Jahren zahlreiche Gründungen  jüdischer Turn- und Sportvereine im ganzen deutschen Reich und im restlichen Europa (Atlasz 1977, S. 17). Der BK kann also als erste Keimzelle des organisierten, in Teilen mit dem Zionismus verbundenen und in Teilen in Opposition zum Zionismus stehenden, jüdischen Sports in Europa betrachtet werden (Eisen 1983, S. 250).

Quellen

ALTERTUM, Erich 1960: Testimony of Erich Altertum, born in Stassfurt, Germany, 1891, regarding the last year of organized Jewish sports activities in Germany, 1938. (O.1 – K.J. Ball-Kaduri – Collection of Testimonies and Reports of German Jewry). Jerusalem: Yad Vashem Archives.

ATLASZ, Robert 1977: Barkochba. Makkabi – Deutschland 1898-1938.

BAR KOCHBA BERLIN 1900: Was wir wollen! In: Jüdische Turnzeitung, 1. Jg., H. 1, S. 1.

EISEN, George 1983: Zionism, Nationalism and the Emergence of the Jiidische Turn-erschaft. In: The Leo Baeck Institute Year Book, 28. Jg., H. 1, S. 247–262.

FRIEDLER, Eric 1998: Makkabi chai – Makkabi lebt. Die jüdische Sportbewegung in Deutschland 1898-1998. Wien u. a.: Verlag Christian Brandstätter, 1. Auflage.

KATZ, Julius 1900: Jahresbericht. In: Jüdische Turnzeitung, 1. Jg., H. 1, S. 3–6.

o. A. 1900: Anzeige für kostenlose Hebräischkurse. In: Jüdische Turnzeitung, 1. Jg., H. 3, S. 31.

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