Sport schafft Identitäten. Diese Identitäten entstammen sowohl aus Selbst-, als auch aus Fremdzuschreibungen auf Individual- und Gemeinschaftsebene. Die Mitgliedschaft in einem Verein verleiht dem Individuum die Möglichkeit, seine eigene Identität um eine gemeinschaftliche Identität zu ergänzen: Einer Vereinsidentität. Eine Vereinsidentität entsteht aus den Selbst- und Fremdzuschreibungen, die einem Verein nachgesagt werden (Brunssen 2025).
In mehreren Beiträgen wollen wir uns der Frage widmen, wie schaffte der (jüdische) Sport Anfang des 20. Jahrhunderts Identitäten für jüdische Sportler*innen? Dazu betrachten wir nicht nur die Entstehungsgeschichte des organisierten jüdischen Sports in Berlin, sondern auch die spannende Autobiografie jüdischen Sportlers Felix Simmenauer.
Die Ursprünge des organisierten jüdischen Sports zwischen Zionismus und Antisemitismusbekämpfung

Dass sich der organisierte jüdische Sport parallel zum Aufkommen der zionistischen Bewegung entwickelt, ist kein Zufall. In der Argumentation zionistischer Denker, wie Max Nordau oder auch Max Mandelstamm, ist ihre Sicht auf den jüdischen Körper zentral. Dabei beziehen sich beide auf das antisemitische Narrativ der körperlichen Schwäche von Jüdinnen und Juden. So verstand sich die Gründung jüdischer Sportvereine vor dem 1. Weltkrieg als Reaktion auf den Antisemitismus in Gesellschaft und Turnerschaft (Eisen 1983, S. 262), oftmals angetrieben von Zionist*innen und zionistischen Gedanken.
Muskeljudentum
Der Zionist Max Nordau schlägt auf dem zweiten Zionistenkongress 1899 in Basel die Wiederbegründung eines Muskeljudentums vor. In einem Aufsatz von 1901 in der Jüdischen Turnzeitung erschienenem Artikel greift Nordau das antisemitische Stereotyp vom körperlich zurückentwickelten Judentum, das unter „Fleischabtödtung“ (Nordau 1900, S. 10) leidet. Dem gegenüber stellt er das durch ein im jüdischen Sport entstehendes Muskeljudentum, geprägt von Idealen eines sich auf die Antike zurückbeziehende „kriegsharten, waffenfrohen Judentums“ (ebd., S. 10f.), das sich durch Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Heldenhaftigkeit auszeichnet. Zentral sollte im jüdischen Turnen neben der körperlichen Ertüchtigung, ein stolzer Bezug zur eigenen jüdischen Identität sein (ebd., S. 11). Nordau sah das Entstehen einer jüdischen Sportbewegung als notwendige Parallelbewegung zum politischen Zionismus (Marcus 2005, S. 151).
Mandelstamm, der als „jüdischer Turnvater“ (Körner 2008, S. 152) gilt, befasste sich beim vierten Zionistenkongress 1900 vornämlich mit der „decrepide(n), erbärmlich schwache(n) Leibesbeschaffenheit der Ghettojuden“ (Mandelstamm 1900a, S. 51), wobei er sich vor allem auf die osteuropäischen Juden bezog. Mandelstamm attestiert den Ostjuden, dass ihnen die „erforderliche Muskelkraft fehlt“ (Mandelstamm 1900b, S. 63) und ihre körperliche Misere auch ihre schlechte gesellschaftliche, moralische (Mandelstamm 1900c, S. 76) und wirtschaftliche Situation begründet (Mandelstamm 1900b, S. 65ff.). Mandelstamm fordert demensprechend: „Es müssten Turnvereine ins Leben gerufen werden“ (Mandelstamm 1900c, S. 77) im selben Credo, wie bereits Turnvater Jahn „mens sana in copore sano“ (Eisen 1983, S. 249).
Beide Zionisten verbinden ihre Analyse der misslichen Lage der Jüdinnen und Juden in Europa in Bezug auf den prominenten Stereotyp der körperlich schwachen Juden mit ihren eigenen Beobachtungen und Forderungen. Das Körperbild steht bei beiden zentral.
Nordaus Analyse zielt stärker darauf ab, neben einer körperlichen Stärkung im Sport auch eine Förderung jüdischer und zionistischer Kultur in jüdischen Sport- und Turnvereinen zu fördern. Somit soll im organisierten jüdischen Sport ein emanzipatorisches Element entstehen.
Mandelstamm bezieht in seine Forderungen stark seine Beobachtungen als Arzt in Kiew ein. Er argumentiert mit wissenschaftlichen und medizinischen Befunden aus seiner Forschung. Für ihn steht demensprechend eine gesundheitliche Verbesserung deutlich zentraler. Dies stellt seiner Auffassung nach, eine erste Bedingung für eine schlagkräftige zionistische Bewegung dar (Mandelstamm 1900c, S. 78).
Quellen
EISEN, George 1983: Zionism, Nationalism and the Emergence of the Jiidische Turn-erschaft. In: The Leo Baeck Institute Year Book, 28. Jg., H. 1, S. 247–262.
MANDELSTAMM, Max 1900a: Die Frage der körperlichen Hebung der osteuropäischen Juden. Auszug aus dem Referat von Professor Dr. Mandelstamm (Kiew). In: Jüdische Turn-zeitung, 1. Jg., H. 5, S. 51–53.
MANDELSTAMM, Max 1900b: Die Frage der körperlichen Hebung der osteuropäischen Juden (Fortsetzung). Auszug aus dem Referat von Professor Dr. Mandelstamm (Kiew). In: Jüdische Turnzeitung, 1. Jg., H. 6, S. 62–67.
MANDELSTAMM, Max 1900c: Die Frage der körperlichen Hebung der osteuropäischen Juden (Schluss). Auszug aus dem Referat von Professor Dr. Mandelstamm (Kiew). In: Jüdische Turnzeitung, 1. Jg., H. 7, S. 75–79.
MARCUS, Nathan 2005: Zionist football and Jewish identity in Weimar Germany. In: Judaica, 61. Jg., H. 2, S. 147–166.