Sport schafft Identitäten. Diese Identitäten entstammen sowohl aus Selbst-, als auch aus Fremdzuschreibungen auf Individual- und Gemeinschaftsebene. Die Mitgliedschaft in einem Verein verleiht dem Individuum die Möglichkeit, seine eigene Identität um eine gemeinschaftliche Identität zu ergänzen: Einer Vereinsidentität. Eine Vereinsidentität entsteht aus den Selbst- und Fremdzuschreibungen, die einem Verein nachgesagt werden (Brunssen 2025).
In mehreren Beiträgen wollen wir uns der Frage widmen, wie schaffte der (jüdische) Sport Anfang des 20. Jahrhunderts Identitäten für jüdische Sportler*innen? Dazu betrachten wir nicht nur die Entstehungsgeschichte des organisierten jüdischen Sports in Berlin, sondern auch die spannende Autobiografie des jüdischen Sportlers Felix Simmenauer.
Antisemitismus in der deutschen Turn- und Sportbewegung

Das Bild körperlich schwacher und zu körperlichen und sportlichen Leistungen unfähigen Jüdinnen und Juden prägen antisemitische Klischees bereits seit Jahrhunderten (Friedler 1998, S. 7). Auch die deutsche Turn- und Sportbewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts war von antisemitischen Ressentiments durchzogen. Der deutsche Sport im Allgemeinen und das Turnen im Speziellen war schon durch den sog. Turnvater Friedrich Ludwig Jahn mit der Etablierung einer deutsch-nationalen Idee verbunden (ebd., S. 9) und mit der Ablehnung und Abneigung gegenüber Jüdinnen und Juden verknüpft (ebd., S. 10). Diese deutsch-nationalen und antisemitischen Haltungen übernahmen in der Folge zahlreiche Akteure innerhalb der deutschen Turnbewegung mit Verweis auf den Turnvater.
Parallel zu den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen machte sich vor allem in den 1880er- und 1890er-Jahren im völkischen Turnen ein immer stärkerer Antisemitismus breit, der sich auch im systematischen Ausschluss jüdischer Turner*innen bspw. durch Satzungen manifestierte. Eine Einführung sog. Arierparagraphen fand im deutschen Turnen also bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts statt. Beispiele für solche Vereine, die sich dem radikal völkisch-antisemitischen Deutschen Turnerbund anschlossen und Juden und Jüdinnen aus ihren Vereinen ausschlossen, finden sich schon 1889 und bildeten 1895 mit 53 Vereinen im ganzen Deutschen Reich bereits eine ernstzunehmende sportpolitische Kraft (Friedler 1998, S. 13). Auch aus anderen Turnverbänden, wie dem Akademischen Turnerbund wurden jüdische Turner*innen bis 1911 nach und nach systematisch ausgeschlossen (Marcus 2005, S. 150). Zwar wurden in den Turnverbänden und in der Öffentlichkeit antisemitische Turnvereine toleriert, jedoch mussten solche Vereine, die allzu agitatorisch für ihre programmatischen antisemitischen Ziele warben, durchaus mit Schwierigkeiten rechnen (Friedler 1998, S. 14). Zu Ende des 19. Jahrhunderts war die deutsche Turnbewegung zum einen noch stark geprägt durch das ihr von Turnvater Jahn gegebene antisemitische Ideal und zum anderen stark mit deutsch-nationalen Streben verknüpft. Das Turnen und die Turnvereine lassen sich also zu diesem Zeitpunkt als wichtige gesellschaftspolitische Akteure und als Arenen des Wettstreits politischer Weltanschauungen verstehen.
Quellen
BRUNSSEN, Pavel 2025: The Making of Jew Clubs: Performing Jewishness and Antisemi-tism in European Football and Fan Cultures. (Studies in Antisemitism). Bloomington: Indiana University Press, 1. Aufl.
FRIEDLER, Eric 1998: Makkabi chai – Makkabi lebt. Die jüdische Sportbewegung in Deutschland 1898-1998. Wien u. a.: Verlag Christian Brandstätter, 1. Auflage.
MARCUS, Nathan 2005: Zionist football and Jewish identity in Weimar Germany. In: Judai-ca, 61. Jg., H. 2, S. 147–166.