So häufig wie in vielleicht keiner anderen Sportart wird im Fußball über die Verbindung des Sports kontrovers diskutiert. Dass der Fußball als eine der populärsten Sportarten weltweit, die in zahllosen unterschiedlichen kulturellen, sozialen und eben auch politischen Kontexten eine zentrale Rolle spielt, auch eine politische Dimension hat mag trivial erscheinen. Nichtsdestotrotz werden besagte Debatten vor allem aus der Warte geführt, der Fußball sei unpolitisch und jedwede Ansätze eines Diskurses über die politischen Dimensionen des Sports stellten vor allem den Versuch dar dem sakrosankten Fußballsport und seinen Teilnehmenden die eigene politische Meinung aufzuoktroyieren. Man erinnere sich nur um die Diskussionen rund um die „One Love“-Binde bei der WM der Männer 2022 in Katar und der seither in fußballaffinen Kreisen weitverbreiteten Meinung, das katastrophale sportliche Abschneiden sei in Teilen, wenn nicht sogar in der Hauptsache, den politischen Diskussionen rundum das Turnier geschuldet. Vor dem Hintergrund dieses vermeintlichen unpolitischen Wesens des Fußballs sind auch die häufigen Rekurse der Vereine und Verbände auf ihre eigene politische Neutralität zu verstehen. Allerdings wird diese in aller Regelmäßigkeit vor allem von den Spitzenverbänden ad absurdum geführt, wenn sie politische Auszeichnungen stiften, um dem gekränkten Ego der Despoten, die ihre Turniere ausrichten, zu schmeicheln, weil diese für ernstzunehmende politische Auszeichnungen nicht in Frage kommen.
So drängt sich der Verdacht auf, dass die Berufung auf die eigene politische Neutralität vor allem dazu genutzt wird, um sich zu unbequemen Themen nicht verhalten zu müssen. Trotz dieses oftmals schwierigen Umfelds wird in Deutschland, allen voran dank des tatkräftigen Engagements von Fangruppierungen und Vorfeldorganisationen, das enorme gesellschaftspolitische Potenzial des Fußballs als ein Ort an dem Menschen jeder Couleur zusammenkommen, genutzt. Neben der Mobilisierung der Anhänger*innen für sportpolitische Belange umfasst dies das öffentliche Einstehen für die zunehmend unter Beschuss geratenen gesellschaftlichen Grundwerte, die Pflege von Erinnerungskultur und vor allem auch das Voranbringen politischer Bildung. Letzteres ist inzwischen im deutschen Spitzenfußball soweit verankert, dass beispielsweise Gedenkstättenfahrten fester Bestandteil der Ausbildung vieler Nachwuchsleistungszentren sind. Im Breitensport ist die Integration politischer Bildung noch bei weitem nicht so verbreitet, sicherlich auch auf Grund der begrenzten Kapazitäten der ehrenamtlichen Trainer*innen und Vereinsverantwortlichen. Hier liegen somit noch große ungenutzte Potenziale, da mehrere Millionen Personen in deutschen Fußballvereinen aktiv sind, von denen die allermeisten nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen sehen werden. Daher soll im Folgenden, auch anhand der Praxiserfahrung der Autoren, dargestellt werden, wo die ungenutzten Potenziale des Breitensports hinsichtlich politischer Bildungsarbeit liegen und wie diese bestmöglich genutzt werden können.
Diese Potenziale ergeben sich aus zwei maßgeblichen Faktoren: zum einen bieten Sportvereine einen Raum zur Vermittlung (politischer) Bildungsinhalte (Heim 2010), zum anderen ermöglichen sie vor allem Kindern und Jugendlichen, deren Alltage zu großen Teilen fremdbestimmt sind, durch direkte Partizipation demokratische Mitbestimmung zu (er-)leben (Ahlrichs und Fritz 2021). In ersterem ist vor allem das Potenzial als „non-formale Lernwelt“ (Heim 2010, S. 110) gegeben, Lernende in einem in einem außerschulischen Setting zu erreichen. Dies ist insbesondere für Kinder und Jugendliche, die sich mit klassischen schulischen Formaten schwertun, ein Mehrwert. Durch die demokratische Vereinsstruktur des Lernortes und durch die sportliche Lehr-Lern-Situation bietet sich eine für die Politische Bildung relevante Lernwelt. Dieses Potenzial Politischer Bildung (über ein Demokratieerlernen hinaus), liegt in der Möglichkeit die implizite Bildung, die in Trainings- und Übungssituationen (ebd., S. 114) vor allem durch die Rolle des*der Trainer*in (Neuber/Golenia 2010, S. 203), zum einen durch Prinzipien der Politischen Bildung auszufüllen und zum anderen um explizite Bildungsangebote zu erweitern. Im Zusammenbringen des praktischen Erlebens (demokratischer) Strukturen des Vereins (Trainingssituationen, Trainer*innen als außerschulische Lern- und Erfahrungsbegleiter*innen, Vereinsdemokratie) mit expliziter (politischer) Bildung in Form von unterschiedlichen Lernformaten (bspw. Workshops, Bildungsfahrten oder Begegnungen) liegt ein großes Potenzial für außerschulische Politische Bildung (Ahlrichs/Fritz 2021, S. 13). Hinzu kommt, dass sich Sportvereine im Gegensatz zu Schulen durch die freiwillige Anwesenheit der Kinder und Jugendlichen auszeichnen. Zudem bietet der Verein gerade für die politische Bildung lebensnahe Anknüpfungspunkte, da hier unterschiedlichste Menschen zusammenkommen, deren Zusammenleben, wie auf den großen politischen Ebenen auch, gestaltet wird.
Quellen
AHLRICHS, Rolf/FRITZ, Fabian 2021: Sportvereine als Orte von politischer Bildung und Demokratiebildung. In: Forum Kinder- und Jugendsport, 2. Jg., H. 1, S. 6–14.
HEIM, Rüdiger 2010: Bildung im außerschulischen Sport. In: NEUBER, Nils (Hrsg.): Infor-melles Lernen im Sport. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 103–116.
NEUBER, Nils/GOLENIA, Marion 2010: Bildungschancen in der Kinder- und Jugendarbeit – eine Studie zum informellen Lernen im Sportverein. In: NEUBER, Nils (Hrsg.): Informelles Lernen im Sport. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 189–210.
