Während der jüdische Sport in Berlin schon seit der Machtübertragung an die Nationalsozialist:innen mehr und mehr ins (sportliche) Abseits gedrängt wurde, blieben Vereins- und Verbandsstrukturen dort in Teilen bestehen. Sowohl der größte jüdische Sportverein, der Jüdische Turn- und Sport-Club Bar Kochba Hakoah (BK Hakoah), als auch der jüdische Sportverband Makkabi in Deutschland hatten ihren Sitz in der Meinekestraße 10 in Charlottenburg. Außer Turnen wurden auch Fußball, Leichtathletik und viele weitere Sportarten betrieben. Die Räumlichkeiten beherbergten neben den beiden sportlichen Institutionen auch den Jüdischen Pfadfinderbund Makkabi Hazair (Junge Makkabäer) und weitere zionistische Vereine und Verbände. Dazu gehörten u. a. die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD) und das ‚Palästina Amt‘ (Reissig 1985, S. 424 ff). Auch wenn diese eigenständige Institutionen darstellten, waren sie jedoch personell und auch in der alltäglichen Arbeit stark miteinander verwoben. In der Meinekestraße 10 wurde nicht nur die Zusammenarbeit für zionistische Ideen koordiniert, sondern auch die Ausreise von Jüdinnen und Juden organisiert.
Alltag der Geschäftsführung
Jüdische Sportler:innen und jüdische Vereine waren aus den Verbands- und Vereinsstrukturen des Deutschen Reiches bereits im Verlauf des Jahres 1933 ausgeschlossen worden (Atlasz 1958, S. 6f). Wettkämpfe und Turniere fanden vorläufig nur noch zwischen unterschiedlichen jüdischen Vereinen statt. So erhielten jüdische Vereine wie BK Hakoah großen Zulauf und auch der Dachverband des Makkabi in Deutschland wuchs durch die Neugründung weiterer jüdischer Vereine (Atlasz 1977, S. 118ff). Mit dem Mitgliederzuwachs vergrößerten sich zum einen die durch die Vereine und den Verband zu erledigenden Aufgaben. Zum Anderen erhöhte sich auch die Tragweite ihrer Entscheidungen, da der organisierte jüdische Sport innerhalb der jüdischen Gemeinden zu einem zentralen Akteur aufstieg.
Zwischen (sportlichem) Alltag und Schikane
Bis zur Reichspogromnacht wurde jüdischer Sport vermeintlich geduldet, das aktive Ausführen von sportlichen Aktivitäten war aber auch immer von strengen Auflagen und ständiger Schikane begleitet. Der jüdischen (Sport)gemeinde in Berlin kam hierbei entgegen, dass die jüdische Gemeinde seit 1932 einen eigenen Sportplatz im Grunewald besaß (Atlasz 1958, S.7). Dennoch kam es zu Übergriffen auf die Organisator:innen von Sportveranstaltungen und auf die Veranstaltungen selbst. So sollten im September 1933 auf dem Sportplatz der jüdischen Gemeinde im Grunewald die Makkabi-Meisterschaften stattfinden, die jedoch von der Gestapo verhindert wurden. Der Verein beschloss daraufhin, sich beim Reichssportführer über das Verbot der Gestapo zu beschweren: Ohne Erfolg, die Vorfälle wurden als lokale Übergriffe eingestuft und somit bagatellisiert (Atlasz 1958, S.8). Günther Loewenstein beschreibt den Alltag von Bar Kochba unter nationalsozialistischer Herrschaft folgendermaßen:
Alle Veranstaltungen des Bar Kochba mussten polizeilich gemeldet werden, sogar Treffen auf dem Bahnhof vor einer (genehmigten) gemeinsamen Fahrt. Diese polizeilichen Anmeldungen wurden mit grösster schikanöser Bürokratie von der Behörde geprüft, und wenn auch nur der kleinste Tippfehler gefunden wurde, wurde die Veranstaltung verboten.
(Loewenstein 1988, S. 11)
Mit der steigenden Mitgliederzahl nahm auch der Stellenwert des Makkabi innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu, wodurch sich neue programmatische und personelle Verknüpfungen ergaben:
Der Makkabi hatte, als die Organisation mit der grössten Mitgliederzahl, auch einen starken Einfluss auf den Delegierten-Tag der zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) im Jahre 1936 und auf sein Verlangen wurde damals Dr. Hans Friedenthal zum geschäftsführenden Vorsitzenden gewählt.
(Atlasz 1958, S. 16)
Hans Friedenthal war von 1934 bis 1938 gleichzeitig Präsident des Makkabis und Ehrenvorsitzender des BK Hakoah, womit sich in seiner Person der organisierte Zionismus und der jüdische Sport vereinten. Erwähnenswert ist auch Paul Lewinsohn, der nicht nur bis 1938 Teil des Präsidiums Makkabis war, sondern auch der Besitzer der Palestine & Orient Lloyd GmbH in der Meinekestraße 2. Diese Verbindung spielte eine gewichtige Rolle für die Ausreise vieler Makkabäer und BK Hakoahner.
Makkabi und die Aliyah
Nach der Fusion befanden sich Makkabi und Bar Kochba mit Hakoah im Spannungsfeld von Assimilation und Zionismus, was vor allem daran lag, dass sich Bar Kochba bei der Vereinsgründung 1898 bewusst zum Zionismus bekannte. Vor allem mit der Machtübertragung an den Nationalsozialismus verbanden sich die zunehmend stärkeren zionistischen Tendenzen in Makkabi und BK Hakoah immer mehr mit der tatsächlichen Notwendigkeit zu Flucht und Auswanderung (Atlasz 1977, S. 51ff). Bereits 1934 findet sich ein Empfehlungsschreiben, ausgestellt vom BK Hakoah-Sekretär Hans Ringel für Abraham Zagorski, in dem ihm sein einwandfreies sportliches und zionistisches Verhalten bescheinigt wird, um Zagorski bei seiner Auswanderung nach Israel, der Aliyah, zu unterstützen.
Dabei konnten die Mitarbeitenden auch auf ihre persönlichen Kontakte und das Netzwerk der Meinekestraße 10 zurückgreifen. So wurden Kinder und Jugendliche des BK Hakoah an den Pfadfinderbund Makkabi Hazair vermittelt und dort in der Hachschara, der Berufsumschulung, auf die Aliyah vorbereitet. Über Makkabi Hazair bestand darüber hinaus auch noch 1938 die Möglichkeit, mit der Jugend-Aliyah Jugendliche und Kinder außer Landes zu schaffen. Dies zeigt bspw. ein Brief an die hallesche Familie Herschkowitz, denen Hardy Swarsensky, der Leiter des Makkabi Hazair und bis 1938 auch geschäftsführender Vizepräsident des Makkabi, in einem Brief vom 02.06.1938 die Möglichkeit bot, ihren Sohn Elieser nach Israel zu schicken.
Im Zuge der Reichspogromnacht wurden auch die Büroräume der Meinekestraße 10 verwüstet. Als Hans Friedenthal in die Meinekestraße 10 kam, fand er dort “‘einen Trümmerhaufen vor’. Er ging zur Gestapo, ‘um sich zu beschweren’. Achselzuckend wiesen ihn die Gestapo-Männer ab: ‘Jetzt ist es mit dem jüdischen Sport sowieso zu Ende’” (DER SPIEGEL 1978).
Dass dies zwar für den Sport galt, aber nicht für die lebensrettende Fluchthilfe, berichtet Günther Loewenstein, der letzte Mitarbeiter des Makkabi, der 1939 nach Israel emigrierte. Er beschrieb den Alltag der Geschäftsführung nach der Reichspogromnacht wie folgt:
Die Büros waren versiegelt und unsere Aufgabe bestand darin, Makkabileute, die in Konzentrationslagern waren, mit Zertifikaten, oft gefälschten, und durch Einreihung in die Listen der Aliyah B (illegale Aliyah) aus der Haft zu befreien und zur Auswanderung zu bringen.
(Loewenstein 1988, S. 12 f)
Dabei nutzte der Makkabi das Netzwerk der Meinekestraße 10 und die Möglichkeit, nach Büroschluss in den Büros der Palestine & Orient Lloyd GmbH zu arbeiten. Auf diese Weise konnten zahlreiche Sportler*innen des Makkabi und des BK Hakoah gerettet werden.
Selbst als Loewenstein 1939 bereits in Palästina lebte, erhielt er als „letzter Mohikaner“ (Loewenstein 1988, S. 13) des jüdischen Sports in Berlin noch Briefe und Steuerveranlagungen, die bei ihm „direkt in den Papierkorb wanderten” (ebd.). Die Büroräume der Meinekestraße 10 wurden 1942 teilweise von der Standortkommandantur der Waffen-SS beschlagnahmt und als Diensträume genutzt (Reissig 1985, S. 424).
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass die Mitarbeiter:innen von Makkabi und BK Hakoah es über Jahre schaffen, zahlreiche Jüdinnen und Juden bei ihrer Flucht aus Deutschland zu unterstützen und dadurch Leben zu retten. Dabei konnten sie auf das direkte Netzwerk der zahlreichen jüdischen Organisationen der Meinekestraße 10 und ihre persönlichen Kontakte weit über den Sport hinaus zurückgreifen.
Anmerkung
Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Jüdisches Leben in Charlottenburg-Wilmersdorf sichtbar machen“, einer Kooperation zwischen dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.
Quellen
Atlasz, R. (1958): Testimony of Dr. Robert Atlasz, born in Berlin, Germany, 1898, regarding his experiences as a Jewish sports official in Germany after 1933, Jewish sport associations and Jewish sport activities under Nazi rule. Item ID: 3549481. Yad Vashem Archives, Jerusalem. Aufrufbar unter: https://collections.yadvashem.org/en/documents/3549481 (letzter Zugriff 20.01.2026)
Atlasz, R. (1977): Barkochba. Makkabi – Deutschland 1898-1938.
Loewenstein, G. (1988): Der Letzte der Mohikaner!, S. 11-13. In: Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Barkochba-Hakoagh e.V. (Hrsg.): 90 Jahre Bar Kochba Hakoah und Makkabi 1898 – 1988.
o. A. (1978): Ungeheure Farce. DER SPIEGEL 1978(46).
Reissig, H. (1985): Das Haus der Zionistischen Organisationen, Meinekestraße 10, S. 424–441. In: Engel, H.; Jersch-Wenzel, S.; Treue, W. (Hrsg.): Geschichtslandschaft Berlin – Charlottenburg. Teil 2: Der neue Westen. Berlin: Nicolai.
Bilnachweise
Jüdischer Turn- und Sportklub „Bar Kochba – Hakoah“ e.V., Broschüre „Bar Kochba. Die Jüdische Sportbewegung“, Berlin ca. 1929, Papier, Tinte, 15,5 x 23,2 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. DOK 90/20/414, Schenkung von Felix Simmenauer, Foto: Roman März
