
Aus der Geschichte lernen. Jüdische Fußballgeschichte für die historisch-politische Bildungsarbeit zugänglich machen
Der Sport und insbesondere der Fußball spiegeln im Kleinen die Besonderheiten und den Facettenreichtum unserer Berliner Stadt- und Gesellschaftsgeschichte wider. Gleichzeitig sind der Fußball und der Fußballverein Orte für eine aufsuchende politisch-historische Bildung, die bisher oft verkannt werden.
Das Projekt „Spielfeld Geschichte“ möchte dabei zwei Dinge erreichen: Zum einen soll es gelingen, durch einen kooperativen Ansatz Forschungslücken im Bereich des jüdischen Sports in Berlin zu schließen, und zum anderen diese Erkenntnisse für die politisch-historische Bildungsarbeit zugänglich zu machen.
Die jüdische Sportgeschichte ist geprägt von Erfahrungen des Ausschlusses und der Emanzipation. Längst vor dem Nationalsozialismus sahen sich jüdische Sportler*innen systematischen Ausschlusserfahrungen aus dem bürgerlichen Sport ausgesetzt. Die dadurch entstehenden emanzipatorischen Elemente mündeten nicht nur in die Geburtsstunde eines modernen Zionismus, sondern auch in einem neuen jüdischen Selbstverständnis, vor allem im Hinblick auf die eigene Sichtbarkeit, Wehrhaftigkeit und das eigene Körperbild.
Paradoxerweise erreichten die Ausschluss- und Diskriminierungserfahrungen jüdischer Sportler*innen im Nationalsozialismus zwar ihren Höhepunkt, zugleich erlebte der jüdische Sport in Berlin jedoch eine Blütephase. Auch nach dem Ende des Naziregimes erlebten jüdische Sportler*innen Ausschluss, Anfeindungen und gleichzeitig sportliche Erfolge. Durch die Gründung von TuS Makkabi erreicht der jüdische Sport im Fußball seit den 1970er-Jahren eine neue Sichtbarkeit. Doch noch immer prägen antisemitische Anfeindungen den sportlichen Alltag jüdischer und auch nicht-jüdischer Sportler*innen, nicht zuletzt seit den Ereignissen des 7. Oktober 2023.
In der Gegenwart handeln. Workshops der historisch-politischen Bildung gegen Antisemitismus in und um den Fußball
Diese Geschichte von Emanzipation, Ausschluss und Diskriminierung gilt es ausschöpfend zu untersuchen. Noch immer gibt es nur bruchstückhafte Untersuchungen zu einzelnen Vereinschroniken und Sportler*innenbiografien. Doch genau in diesen, oft durch die starken Zäsuren der Berliner Stadtgeschichte geprägten Chroniken und Biografien, liegen große Potenziale für eine historisch-politische Vermittlungsarbeit.
„Spielfeld Geschichte“ zielt darauf ab, Workshopkonzepte im Rahmen und Kontext von Fußballvereinen, Fußballtrainings, Fußballfanprojekten oder auch im Umfeld von Fußballorten (Fußballfeldern, Fußballstadien, Fußballkneipen, Fußballvereinsheimen) umzusetzen. Dabei beruht die Stärke des Konzepts darauf, die räumliche (zu ehemaligen und aktuellen jüdischen und nicht-jüdischen Sportstätten) und emotionale (gemeinsame Liebe zum Fußball, eigene Ausschluss- und Emanzipationserfahrungen) Nähe zwischen Teilnehmenden und den Workshopinhalten zu nutzen.
Eine besondere Wirkung entfaltet das Konzept, wenn Teilnehmende selbst einer in der Gesellschaft und im Fußball marginalisierten Gruppe angehören und beispielsweise unter Rassismus- oder Sexismuserfahrungen leiden. Die Workshops sollen neben historischem Wissen vor allem zur Empathie und zum Empowerment der Teilnehmenden beitragen und damit das Ziel verfolgen, Antisemitismus und Diskriminierung in und um den Fußball zu bekämpfen.
In die Zukunft denken. Meilensteine von „Spielfeld Geschichte“
Das Projekt sollte zunächst an den Fußballverein WFC Corso 99/Vineta anknüpfen. Hier fand es in der Aufarbeitung der Vereinsgeschichte, sowie dem Auf- und Ausbau der Jugendarbeit im Verein seinen Anfang. Da sich das Projekt massiven antisemitischen Bedrohungen aus dem Vereinsumfeld ausgesetzt sah, besteht nun die Notwendigkeit eine neue Struktur zu finden.
Zu diesem Zweck sind wir in der Gründung von „Spielfeld Geschichte“ als e.V., um eine passende Struktur zu schaffen. Kurz- und mittelfristig erfolgen alle Arbeiten am „Spielfeld Geschichte“ ehrenamtlich, langfristig soll es möglich sein, die Ehrenamtlichen durch faire Aufwandsentschädigungen in ihrer Arbeit zu unterstützen.
Zu den Kernzielen zählen: die Aufarbeitung, Systematisierung und Aufbereitung historischer Quellen für die historisch-politische Bildungsarbeit, der Aufbau einer Website, die einen interaktiven Überblick über die Geschichte und Gegenwart des jüdischen Fußballs in Berlin gibt, sowie als Hauptziel die Entwicklung und Durchführung historisch-politischer Workshops im Fußballkontext.
Dabei kann „Spielfeld Geschichte“ auf ein vielfältiges und kompetentes Netzwerk aus Unterstützer*innen zurückgreifen, unter anderem auf das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin (Dr. Markus Funck), den Sport:Kultur e. V. (Daniel Küchenmeister), Makkabi Deutschland/Zusammen1, eine Gruppe von Zeitzeug*innen des jüdischen Fußballs in Berlin sowie mehrere Berliner Fußballvereine.